4. Juni 2017 , 18:49 Uhr
von Marc Eggert
VfB Stuttgart Mitgliederversammlung 2017

VfB Stuttgart Mitgliederversammlung 2017

Am 01.06.2017 war es dann also so weit und die Abstimmung aller Mitglieder zur zuvor vor allem in den sozialen Medien hitzig diskutierten Ausgliederung stand an. Mit 84,2% ist diese Abstimmung auch sehr deutlich für „Pro“ ausgefallen. Dies bedeutet, dass in Zukunft die Profi-Fußballabteilung des VfB Stuttgart eine Firma, also eine AG, sein wird, wovon der VfB Stuttgart e.V. in Zukunft mindestens 75,1% selbst halten soll. Bis zu 24,9% der Anteile sollen veräußert werden, wovon man sich einen Zuwachs von ca. 100 Millionen Euro verspricht.

Ich selbst zähle mich zu den 15,8%, die gegen diese Ausgliederung gestimmt hatten, da mich eben dieses Gesamtpaket nicht überzeugt hatte. Das Gesamtpaket bestand in diesem Zusammenhang aus 1.) Ausgliederung, 2.) Firmengründung/Rechtsform festlegen, 3.) Veräußern von Anteilen der AG und 4.) Satzungsänderungen. Um es zu konkretisieren: Eine Ausgliederung an sich wird früher oder später so oder so unumgänglich sein, da vermutlich das Geschäft im Profi-Fußball inkl. einer gewissen Gewinn-Absicht nicht mehr als e.V. durchführbar sein dürfte. Allerdings ist „der Verein VfB Stuttgart“ evtl. generell nur auf dem Papier ein „e.V.“, da ich vermute, dass sich ein Großteil der Mitglieder eher als Fanclub-Mitglied oder „unterstützender Fan“ sieht und weniger als Vereinsmitglied mit den sich daraus ergebenden Rechten.

So ganz übermässig frustriert mich allerdings dieses Ergebnis auch nicht – ich konnte meine Stimme dazu abgeben, die Mehrheit sieht es anders und hat vielleicht auch recht damit.

Wie kam es überhaupt zu einer solchen Mitgliederversammlung mit 14.000 Teilnehmern und einem solchen Ergebnis? Meine persönliche Vermutung ist es, dass die Vereinsverantwortlichen die zuvor genannte Struktur des Vereins erkannt haben und tatsächlich genug Vereinsmitglieder zur Abstimmung bewegen konnten (gratis Verzehrgutscheine und gratis Trikot für jeden Teilnehmer – das gabs noch nie bei einer MV). Die Mitgliederversammlung ist ein mitentscheidendes Organ, welches in der Vereinssatzung auch so verankert ist. Allerdings hat nicht jedes Vereinsmitglied den Anspruch, aktiv am Verein teilzunehmen oder Entscheidungen mitzubestimmen. So erklärt es sich dann auch, dass bei regulären Mitbliederversammlungen i.d.R. zwischen 1500 und 2500 Mitglieder tatsächlich erscheinen und aktiv teilnehmen. Ca. 1500 Mitglieder haben gegen die Ausgliederung gestimmt, ein ebenfalls deutlicher Teil (ca. 80%) hatte für den vorzeitigen Abbruch der Mitglieder-Aussprachen gestimmt. Es lässt also durchaus den Schluß zu, dass ein Großteil der anwesenden Mitglieder zwar Vereinsmitglieder sind, allerdings gar nicht den Anspruch haben, im Verein aktiv mitzuwirken. Es ist dann also nicht verwunderlich, wenn der Großteil der eigentlich „inaktiven“ Mitglieder auch gleich für die Ausgliederung stimmt. „e.V.“ oder „AG“ – nüchtern betrachtet und so lange ich nicht Rechte aus einem e.V. für mich in Anspruch nehmen wollte: Ich würde ebenfalls für die AG stimmen inkl. aller Folge-Entscheidungen, wie Satzungsänderungen, Veräußerungen, etc. – „die da oben“ sollen es machen und sich nicht ins Werk von „Mitgliedern“ pfuschen lassen. Die Vereinskultur an sich, oder der Anspruch selbst noch zumindest zu einem kleinen Teil mitwirken zu wollen, ist gar nicht vorhanden. Das Vertrauen in die Vereinsleitung ist allerdings da und wird dort auch in guten Händen gesehen – geflügelt natürlich vom direkten Wiederaufstieg und einem auch tatsächlich funktionierenden Team, was Vorstand und Trainer-Team angeht.

Eine Anekdote hierzu noch: Ich saß während der Mitgliederversammlung neben einem älteren Pärchen. Beide seit über 40 Jahren Vereinsmitglieder, allerdings dieses Jahr auf der ersten Mitgliederversammlung. Das Trikot für „Enkele“ wollte man mitnehmen und natürlich ein „Ja zu Wolfgang Dietrich“ stimmen. Auch zum „Buh“-Rufen während der Aussprachen war man sich nicht zu schade. Im direkten Gespräch konnte ich auch erfahren, dass man gar nicht so genau weiß, was da eigentlich passiert und was das Vorhaben ist – lediglich, dass „es viel Geld vom Daimler gibt“ und „grad fähige Leut beim VfB sind“. Die Mitglieder bei den Aussprachen seien „Wichtigtuer und haben keine Ahnung“ – zugehört hatte man ohnehin nicht. Das war natürlich für mich erstmal das Vorzeige-Beispiel, mit welchem ich für mich das Ergebnis erkläre, auch wenn es zugegebenermaßen nach Pauschalisierung klingt. Für die beiden war ich ja aber auch ein „Ultra“, weil ich dagegen bin.

Letztendlich kann man die Leistung von Wolfgang Dietrich durchaus respektieren – mit einem deutlichen Ergebnis vom e.V. zur AG und vermutlich war dies auch der richtige Schritt, wenn die Mitglieder-Struktur schon grundsätzlich so ist, daß der Großteil gar keine Aussprachen mehr haben möchte und die Instrumente der MV gar nicht benutzen möchte. Das Fußball-Geschäft kommerzialisiert sich unaufhaltsam seit zig Jahren und inzwischen ist man vermutlich tatsächlich am Punkt, an welchem sich dieses Geschäft als e.V. gar nicht mehr betreiben lässt. Gut finden muss man dies nicht – aufhalten wird man es allerdings auch nicht können. Unterm Strich ist es für mich gefühlt schon so, dass eine gewisse Fußball-Romantik in dieser Sache flöten geht. Jetzt kann man nur hoffen, dass tatsächlich die Klasse gehalten werden kann – vermutlich sind auf den kommenden Mitgliederversammlungen ein Großteil der 84% ja nicht mehr dabei – dann sind vermutlich wieder nur „Ultras“ da. 😉

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