10. Juli 2016 , 15:50 Uhr
von Marc Eggert

…ist es jetzt vielleicht zu spät – man verpasst ja doch nichts, wenn man nicht früh aufsteht.

Rottler Live

Rottler Live

Der Rottler geht in die nächste Runde. Proust ist sein Leben, doch es langweilt in sehr. Schon mal von Marcel Proust gehört? Schon mal mit Kunst-Studenten diskutiert? Schon mal was von „Galakomplex“ oder „Lenin Riefenstahl gehört? Auf verschiedene Arten verarbeitet Christian Rottler den Input aus eigenen Erfahrungen, politischen Einflüssen und Vorbildern. Inzwischen ist er auch mit eigenem Label unter http://rotte.rocks/ am Start und man wartet gespannt auf die erste Veröffentlichung von Lenin Riefenstahl. Meine Eindrücke dazu schreibe ich in den folgenden Zeilen.

Sommer 1996: Ich bin als Azubi im schwäbischen Böblingen unterwegs. Beim Stöbern nach neuer Musik gibt es noch kein Spotify und ähnliche Vorschlag-Dienste – also wälzt man sich durch die Plattenläden der Stadt. Mit im Gepäck eine Art innere Wut und Widerstand. Es steht ein extenzieller Lebenswechsel an: Daheim ausgezogen, eine relativ biedere Ausbildung begonnen und eine bis dato großartige Beziehung beendet. „So eine Mischung aus Melancholie, Wut-Rock und am Besten das ganze noch auf Deutsch“. So in etwa treffe ich auf die CD „Wir kommen um uns zu beschweren“ von Tocotronic. Allein schon die Track-Liste machte mich gespannt darauf, wie man überhaupt Musik um Titel wie „Ich habe geträumt ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith“ oder „Ich wünschte ich würde mich für Tennis interessieren“ konstruieren kann. Es geht – und diese Art Musik ist damals die Neu-Entdeckung für mich: SO klingt also Grunge, wenn er in Deutschland entstanden wäre. Provokant und gewollt dilletantisch, aber sympathische Musik, gepaart mit Texten, die tiefgründig zu sein schienen, auch wenn mir der direkte Zugang dazu teilweise bis heute in Teilen verschlossen blieb. Wo Nirvana schon zu gespült und geplant wirkten, lieferten Tocotronic das Gefühl, dass man halt „ne Stunde die Bandmaschine mitlaufen lies“. Abiturienten-Rock nannte ich die Musik zu der Zeit – unterschied sich die Darbietung im Gegensatz zum (auch von mir heißgeliebten) Deutsch-Funpunk-Rock aus dem Ende der 80er Jahre: Warum nicht mal das Distortion-Pedal auf Max. drehen und auf die klinisch reine CD-Produktion pfeiffen? Der Sound der CD war damals für den inneren Geist genau das, was ich brauchte und die Texte dazu ebenfalls: Schön, wenn es mein Umfeld nicht kapiert, was der tiefergehende Sinn hinter den Texten ist und man selbst den Text für sich deuten kann. Für eine Art innere Rebellion war es zunächst ausreichend und eine willkommene Gegenposition zu dem, was die Mit-Azubis als „musikalische Unterhaltung“ aus den Charts abfeierten.

Lenin Riefenstahl im März 2015

Lenin Riefenstahl im März 2015

Fast zwanzig Jahre später läuft mir dann der Rottler über den Weg und fragt u.a. mich nach musikalischer Unterstützung für ein Projekt. „Schaun wir mal“. Das war im Herbst 2014. Nach den ersten Proben ist im Grunde relativ schnell klar: Die Texte sind einzigartig, teilweise verworren, teilweise ironisch und ich selbst war wieder an die Zeit erinnert, als ich es „cool“ fand, Texte zu lesen und zu hören, von denen ich wusste, dass mein Umfeld sie nicht verstehen würde, oder evtl. einfach nur „falsch deuten“ würde. Der Name des Projekts: „Lenin Riefenstahl“. BAM… Wieder so ein Ding und vermutlich zwei Worte, die in großen Teilen mißverstanden werden (können).
Zum Thema „falsch deuten“: Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es gar kein „falsch deuten“ gibt, sondern dass die Magie eines Textes zu einem großen Teil die eigene Interpretation ausmacht. Eine etwas größere Deutungs-Streuung macht einen Text interessanter, gerne auch „sperriger“ genannt. Teilweise ist man auch mal enttäuscht, wenn man erfährt, wie der Text eigentlich gemeint war, oder wie man ihn hätte verstehen sollen.

Jedenfalls: die Musik aus den letzten gut zwei Jahren Lenin Riefenstahl sollte die Texte ausmalen. Mit Unterstützung akkustischer Instrumente und diversen Auftritten aus der Vergangenheit könnte man den Rotte jetzt in die Liedermacher-Ecke schieben. Mit der Band Galakomplex gab es in der Vergangenheit verschiedene Auftritte – allerdings scheiterte das Projekt aus verschiedenen, teilweise dramatischen Gründen. „Scheitern“ ist dabei ein etwas zu hartes Wort – zumindest bleibt davon etwas für die Ewigkeit. Ein kleines Fundstück auf der Suche nach der verlorenen Zeit. So zum Beispiel das Video zu Proust auf Youtube, welches auf Interesse des Herrn Eberhard Pontifex stößt, der wiederum Beiträge für einen Sammelband zum Thema „Proust“ sucht. Was den Anlass für den Song gab, wollte er wissen. Rotte haut in die Tasten – sein Beitrag wird allerdings aus verschiedenen Gründen nicht in den Sammelband aufgenommen. Mißverständnisse, hohe Zeitverfluggeschwindigkeiten und Unterhaltungen mit dem Herausgeber des Sammelbandes (Albrecht Gier) fasst er dafür in einem Hörspiel zusammen. Dieses gut 40-minütige und kurzweilige Hörspiel sendet der SWR am 30.08.2016 gegen 19:20 Uhr. Das muss gefeiert werden und aus diesem Anlass gibt es die Preview von Rottlers Einlassungen zu Marcel Proust, dem Hörspiel und seinem Projekt „Lenin Riefenstahl“ am 23.08.2016 im legendären Café Weiß in Stuttgart.

Der Rottler hat Proust noch nicht zu Ende gelesen – ich habe Proust noch gar nicht gelesen. Vermutlich wäre ich auch nie aus eigenem Antrieb auf die Idee gekommen, ein Werk aus dieser Zeit oder zu diesem Thema überhaupt zu lesen. Die Suche nach der verlorenen Zeit – der Wunsch etwas bleibendes zu erschaffen und in der vergangenen Zeit Dinge zu finden, die einem Erinnerungen wiederbringen. Ein schwieriges Unterfangen in einer Zeit, in welcher man im Fastfood-Content der sozialen Netze zu versumpfen droht. Erfolgreiche Blogger sind verschwunden in den kurz-gepostet-20-Likes-bekommen-dann-vergessen-Portalen. Ich bin mit Sicherheit kein Philosoph, versuche mir aber andauernd selbst zu erklären, wo sie denn hin ist: die verlorene Zeit. Viele Projekte, wenig Zeit dafür und noch weniger bleibende Ergebnisse. Was macht man eigentlich, um etwas bleibendes zu schaffen? Man erkennt, dass die eigene Lebenszeit endlich ist und abgeschlossene Projeke oder allgemein Erschaffenes, auf das man stolz ist, auf der Strecke bleibt. Der Erfolg der sozialen Netzwerke, des „scripted reality“-TVs – der Vergleich des eigenen Status mit dem Rest der Gesellschaft. Für mich ist das die Antwort darauf, warum die genannten Einrichtungen erfolgreich sind: Es beruhigt einen doch stark, wenn man sieht, dass man selbst nicht der Dümmste ist und sich täglich neue Mitmenschen finden, anhand derer man von sich behaupten kann, dass man selbst „so bescheuert“ noch nicht ist. Oder sind es am Ende wie im Reality TV lediglich Schauspieler – in dem Fall Bots, die zur eigenen Beruhigung geschalten werden? Die Fallen für sinnloses Zeitverlieren sind heute vielseitig und wir tappen all zu gerne hinein.

„Der Rottler“ mag es mir verzeihen, dass ich ihn „der Rottler“ nenne und nicht Chris. Mir fällt seit Jahren auf, dass gerade Kunst-Studenten eine auf mich faszinierende Art haben, mit Texten umzugehen. U.a. faszinieren mich seit frühester Jugend auch Texte von Wolfgang Niedecken – ebenfalls Kunststudent(1) – und irgendwie versaut durch die penetrante Zuordnung zur „Neuen Deutschen Welle“, in welche BAP so gar nicht reinpasst. Jedenfalls nicht in der Art, dass Texte gewollt sinnfrei und übertriebene Umschreibung darstellen sollen. Auch „Verdamp lang her“ passt nicht in diese Sparte – inhaltlich eher Drama, aber trotzdem als Party gefeiert. Vermutlich ist aber auch dies der Deutung überlassen und bildet für jeden Einzelnen die Magie der Texte.

Christian Rottler, Kunststudent aus Weimar, im Grunde als „Lebenskünstler“ einzustufen. Weitere Produktionen, welche man vermutlich nur auf Anfrage zu hören bekommt, sind Hörspiele wie „Heldenfällen„. Interviewt werden die Helden/Vorbilder seines bisherigen Lebens, wodurch er aufzeigt, wie schnell die Vorstellung des Helden bröselt und es letztendlich verletzliche Persönlichkeiten sind, die dann aus „anderen“ Gründen Helden bleiben aber sicherlich nicht auf dem unumstößlichen Thron des Heldentums in der ursprünglichen Vorstellung regieren.
Songs, Lyrisches und sicherlich auch bald die ersten Veröffentlichungen von Lenin Riefenstahl finden sich im Youtube-Kanal vom „Herr Rottler“: https://www.youtube.com/user/herrrottler.

(1) „Kunst-Student“ bleibt man auf Lebenszeit. Sozial eine Ausbildung mit Abschluss – allgemein vermutlich eine Art Lebensgefühl oder -Beschreibung… 😉

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